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Die Windkanäle der AVA Göttingen in Reyershausen


Auf betreiben der Luftwaffe verkauft 1941 die Burbach-Kail AG die oberirdischen Werksanlagen an die Aerodynamische Versuchsanstalt (AVA) in Göttingen.
Auch das Schloß Löseck, die beiden Rodemühlen und die 3 betriebseigenen Wohnblöcke im Rodetal werden verkauft.
Nur an den beiden Schächten mit je 100qm Fläche und ihren Abbauverträgen hält sie gegen den Widerstand der AVA fest.

Die
Windkanäle der AVA in Reyershausen

In der ehemaligen Salztrennungsanlage wurde ein Hochgeschwindigkeits-Windkanal errichtet.
Der mit Dampfstrahlantrieb versehener Hochgeschwindigkeitswindkanal ermöglichte die Erforschung des Pfeilflügeleffekts bei besonders hohen Geschwindigkeiten. Die in Reyershausen durchgeführten Versuchsreihen führten mit dazu, dass die deutsche Flugzeugindustrie bei ihren Planungen für Hochge-schwindigkeitsflugzeuge das Pfeilflügelkonzept mit einbezog. Die hier gewonnenen Erkenntnisse waren auch von erheblicher militärischer Bedeutung; deshalb wurden sie durch Geheimpatente gesichert.
Der Hochgeschwindigkeitskanal wurde durch drei mit Braunkohle angeheizte Dampfkessel betrieben. Der Rauch der Heizanlage und er austretende Dampf waren von weitem sichtbar. "Aus Angst vor feindlichen Fliegerangriffen saß ein alter Mann auf dem Förderturm des Kalischachts. Bei Motorengeräusch musste dieser einmal hupen; das Experiment wurde dann sofort abgebrochen. Aus Tarnungsgründen kam es immer wieder vor, dass wir wichtige Versuche bei Nacht durchführen mussten" (Dipl.-Ing. Oltmann, damals Leiter der AVA-Außenstelle Reyershausen).

In dem angrenzenden Gebäude wurde ein Grenzschicht-Windkanal (turbulenzarm) errichtet.
Der Windkanal, der u.a. durch den Einbau von feinmaschigen Sieben turbulenzarm gemacht worden war, diente zur Durchführung von Auftragsmessungen für die Flugzeugindustrie. Es wurden hauptsächlich Versuche mit laufenden Schrauben, auch z.B. mit gegenläufig drehender Schraube als Sturzflugbremse, durchgeführt. Andere Versuche galten der Erforschung des Pfeilflügeleffekts und den Möglichkeiten seiner praktischen (militärischen) Nutzbarkeit.

In dem Salzspeicher III wurden Bauteile für einen
Überschall-Windkanal errichtet.
Dieser Überschall-Windkanal kam nicht mehrzum Einsatz, die Schweizer Firma BBC (Brown, Boveri & Cie)
hat die am 8. Februar 1943 bestellten Bauteile, u.A. das wichtig axiale Windkanalgebläse, nicht geliefert.


Allgemeines über Windkanäle
Ein Windkanal dient dazu, die aerodynamischen und aeroakustischen Eigenschaften von Objekten zu untersuchen und zu vermessen.

Als erster brauchbarer Windkanal gilt eine 1884 von dem Engländer Horatio Philipps (* 1845, ✝ 1912) entwickelte Anlage; die Brüder W. und O. Wright verwendeten bereits ab 1901 einen selbst erbauten Windkanal für Tragflügeluntersuchungen.

Der erste Windkanal der „Modellversuchsanstalt für Aerodynamik der Motorluftschiff-Studiengesellschaft in Göttingen (ab 1919 AVA) entstand unter Leitung von Ludwig Prandtl 1908 in der Hildebrandstraße. Bereits 1917 konnte der Messbetrieb in einem neu erbauten und größeren Windkanal zur Untersuchung von Luftfahrzeugen auf dem Gelände in der Böttingerstraße in Göttingen in Betrieb gehen. Dieser erste Windkanal wurde unter der Bezeichnung "Göttinger Bauart" weltweit, besonders in den USA, bekannt. Ludwig Prandtl entwickelte nicht nur Windkanäle niederer Geschwindigkeiten sondern auch der erste Überschall-Windkanal in Deutschland wurde unter seiner Anleitung gebaut.

Neubau eines Überschall-Windkanals
Fotos: Zentrales Archiv - Deutsches Zentrum für Luft und Raumfahrt e.V. - Göttingen